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Internationale Open Access Week in Sachsen

28. Oktober 2009

Nachlese des Programms der SLUB Dresden

Nur spärlich gefüllt war der Vortragssaal der SLUB Dresden am 23.10. zu Beginn des achtstündigen Open Access-Marathons, betitelt als „Revolution der Wissensverwertung?“. Dabei galt auch für diese Veranstaltung der „offene Zugang“ und jeder durfte ohne Voranmeldung den Vorträgen beiwohnen. Im Auditorium fand man hauptsächlich Bibliothekare, wie auch auf dem Rednerpult, zumindest was den ersten Teil bis zur Mittagspause anging.

bibsonomyNach einer allgemeinen Einführung zum Wechselspiel zwischen „Recht, Politik und Praxis“ bei Open Access von Dr. Arne Upmeier (TU Ilmenau, Vorsitzender der Rechtskomission des Deutschen Bibliotheksverband e.V. (dbv)) setzte Prof. Dr. Gerd Stumme von der Universität Kassel das erste Ausrufezeichen mit seinem Vortrag über „Kooperative Literaturverschlagwortung mit BibSonomy“. „Wie Youtube für Publikationen“, meinte der habilitierte Mathematiker Stumme, „aber eigentlich ist BibSonomy nicht wirklich wie Youtube, da wir keine Inhalte anbieten“. Und schon gar keine Videos. In Twittersprache wäre das nun ein klarer Fall von #fail. Also: One more Social Bookmarking-Tool?
Was macht die Sache nun besser als Delicious und Co., die sowieso schon eine große Masse an „öffentlichen Lesezeichnern“ hinter sich wissen? Kurz gesagt: Was BibSonomy an äußerlicher Attraktivität fehlt, macht das Projekt durch die „inneren Werte“ wieder wett: Netzressourcen werden durch Information Extraction mittels Mallet analysiert und die daraus gewonnenen BibTex-Metadaten separiert und als wohl strukturierte Bookmarks abgelegt. Import- und Exportmöglichkeiten gibt es für Citavi, Endnote, JabRef oder Zotero. Bei den hochinteressanten Ausführungen wundert es nicht, dass Stumme an der Uni Kassel den “Hertie Chair on Knowledge and Data Engineering” inne hat und neben der informationstechnischen Optimierung von Bibsonomy, zum Beispiel durch die Einführung eines benutzerspezifischen FolkRank, auch die „Folksonomy-Verhaltensforschung“ im Vordergrund steht:
Allgemein interessant für den Laien ist zum Beispiel die Untersuchung von „Tagging-Gewohnheiten“. Es gibt zwei Typen von Taggern: Menschen die wenige, genau bezeichnende freie Schlagworte vergeben und solche die möglichst viele Wörter aneinanderreihen… sicher auch um die Wiederauffindbarkeit der eigenen Links zu erhöhen. Erstaunlich ist der Fakt, dass für Stummes Forschung sogar diese Vieltagger interessanter sind, da sich auf diese Weise Tag-Beziehungen besser analysieren lassen.

Was das Ganze mit Open Access zu tun hat, erschloss sich den Anwesenden nicht sofort. BibSonomy verweist natürlich unter anderem auf Open Access-Inhalte und -repositorien, hat aber auch ein DFG-Projekt am Laufen, welches die Einträge des Dokumentenservers der Uni Kassel in BibSonomy integriert. Dieses Akademische Publikationsmanagement (PUMA) soll auch für andere Institutionen angeboten werden. Darüber hinaus deckt der Service eine Erstellung von Publikationslisten auf Homepages, Einträge in Repositorien und Metadaten-Integration in SHERPA/RoMEO, den eigenen OPAC, Bibliotheksverbünde und weiteren kooperativen Literaturverwaltungssystemen ab. Auch für Firmen stellt man bereits lokale Systeme zur internen Publikationsverwaltung zur Verfügung. Die Ergebnisse des Projektes sollen übrigens bald auch Open Source angeboten werden, ein löbliches Vorhaben, das für eine Informatik-Fakultät nicht gerade untypisch ist, im Gegensatz zu vielen anderen bibliothekarischen Projekten…
Der stellvertretende Direktor der SLUB, Dr. Achim Bonte, zeigte sich sehr beeindruckt von Stummes Demonstrationen und wies auf eine Zusammenarbeit mit dem sächsischen Dokumentenserver Qucosa und das offensichtlich dafür vorhandene Kleingeld hin – Ka-ching!$

So weit so gut für die Wissenschaftlichen Bibliotheken und Unternehmen, die einer cleveren und präzisen Literaturverwaltung bedürfen.
Wer bereits das Datenbankportal der Stadtbibliothek Chemnitz genutzt hat, wird gegebenenfalls schon auf die ein oder andere wirtschaftswissenschaftliche Datenbank gestoßen sein. Es ist geplant, in diesem Bereich in Zukunft auch auf die Informationsangebote der Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften (ZBW) in Kiel zurückzugreifen. Eine Möglichkeit für Chemnitzer Unternehmen und Wirtschaftsinteressierte wäre beispielsweise der Econstor, den Jan B. Weiland nebst der hauseigenen Wirtschaftszeitschrift „Economics: The Open Access, Open Assessment E-Journal“ bei der SLUB-Veranstaltung vorstellte. Interessant bei diesem Journal ist, dass fünf(!) Nobelpreisträger dem Editorial Advisory Board angehören und durch einen transparenten zweistufigen Review-Prozess die Qualität der Beiträge zu gewahren versuchen.
Weiland stellte ganz hübsch die zentrale Erkenntnis heraus, dass OAI-Schnittstellen das A und O beim O und A und Vernetzung der Einzellösungen unbedingt von Nöten sind.

Creative CommonsDas Bild wandelte sich nach der Mittagspause: Ein verjüngtes, teilweise offensichtlich studentisches Auditorium zeigte großes Interesse am folgenden Thema von Michael Voigt, „Die Creative-Commons-Lizenzfamilie im Zusammenhang mit Open Access“. Das Baukastenprinzip dieser Lizenzen, die über das Urheberrecht hinaus Verwertungs- und Nutzungsrechte regeln, wurde in der Fachpresse bereits vielfach im Zusammenhang mit Open Access als günstig bezeichnet. Insbesondere wer auf Impact bedacht ist, ist gut damit beraten, sein Werk unter einer CC-by-sa-Lizenz zu veröffentlichen. Viel neue Erkenntnisse lieferte Voigt vom Chaos Computer Club zwar nicht, aber als Einführung in das Thema war sein Beitrag durchaus gut geeignet und bot viel Gedankenraum auch was die „Erwerbung“ von Creative Commons-Medien durch Bibliotheken angeht. Vielleicht könnten sich künftig auch Stadtbibliotheken verstärkt der Promotion solcher Medien widmen, durchaus auch mit Hinblick auf lokale Urheber und fördernswerte Kunstschaffende geringeren Bekanntheitsgrades.

Einen gänzlich neuen Blick auf Open Access bot Johannes Näder, Absolvent der Germanistik der TU Dresden mit seinem Vortrag „Revolution der Wissensverwertung? Eine medienkulturwissenschaftliche Analyse zu Open Access“. Mithilfe der Mediologie gab Näder einen Abriss der jüngeren OA-Historie mit dem Blick eines neutralen Beobachters auf alle beteiligten Parteien. Die Mediologie interessiert sich hierbei in erster Linie für diachrone Vermittlungsprozesse. Im Falle der Medienkultur befinden wir uns in einem Übergangsprozess aus der Grafosphäre (das physische Medium) hin zur Hypersphäre (das eMedium). Näder definierte räumliche und zeitliche Beschränkungen dieser Sphären, wog diskursermöglichende und diskurshindernde Milieusicherung gegeneinander ab und sorgte für persönliche Aha-Erlebnisse bei allen Beteiligten. Schade nur, dass Näder in seiner inneren Sphäre noch hadert, seine Magisterarbeit selbst Open Access zu veröffentlichen. Gern hätte ich seine Arbeit weiterempfohlen und die ein oder andere Bahnfahrt mit seiner kulturwissenschaftlichen Perspektive auf Open Access versüßt.

Der letzte Vortragsblock stellte einzelne Projekte der SLUB vor: Den Anfang machte die Deutsche Fotothek mit ihren ca. 3 Mio. Bildquellen im Open Access-Zugang mit Downloadgrößen bis 1600 Pixel. Ein bisschen in die eigene Fotothek vernarrt hob Dr. Jens Bove besonders die 250.000 CC-lizensierten Fotos hervor, die in die Wikimedia Commons integriert wurden und vor allem in eigenen Wikipedia-Artikeln ihre Verwendung finden.
Die Bestände der Deutschen Fotothek können bereits im Datenbankportal der Stadtbibliothek Chemnitz recherchiert werden. Es ist außerdem geplant, künftig auch SLUB-Datenbanken wie ConArt oder ArtGuide über eine Suchmaske recherchierbar zu machen.

QucosaEine lebhafte Diskussion rief der sächsische Dokumentenserver Qucosa hervor. Hinter diesem Akronym verbirgt sich die Bezeichnung „Quality Content of Saxony“. Große Worte, ganz große Worte… Quality Content… Was tut man, um dieser Erwartung an „Qualitätsinhalte“ gerecht zu werden? Im Vortrag von Roland Pohl, Anke Wartenberg und Ralf Claußnitzer (alle SLUB) selbst wurde diese Frage nicht sehr überzeugend beantwortet. Da sind technische Standards erfüllt – man hat selbstverständlich ein DINI-Zertifikat – doch wenn es im Vortrag zur inhaltlichen Qualitätssicherung nur heißt „eine Bibliothekarin guckt mal drüber“, dass da nichts „Triviales“ („Mitteilungsblatt des Kaninchenzüchtervereins“) oder Rechtswidriges drinsteht, entspricht das noch lange nicht einem Qualitätsinhalt. Auf Nachfrage hin die Klärung: Ein – von wem auch immer – eingereichtes Dokument wird etwa binnen zehn Tagen freigeschaltet, Schlagwörter und Notationen von Fachreferenten vergeben, durch den jeweiligen Autor vergebene freie Schlagwörter hingegen nicht noch einmal korrigiert. Immerhin klingt das schon eher nach einem Bemühen um Qualität. Schön ist, dass mit einer Verzeichnung in Qucosa auch eine Einspeisung der Daten in DRIVER, Bibliotheksverbünde und Suchmaschinen wie OAIster erfolgt. Übrigens scheint es beinahe egal woher die wissenschaftlichen Dokumente kommen (siehe zu dieser Frage auch Archivalia vom 31.05.09): dDs können laut SLUB-Abteilungsleiter Informationstechnologie auch Absolventen sein, die ihre Diplomarbeit mit Note 4 geschrieben haben… Quality Content. Derzeit scheint das Projekt inhaltlich noch nicht aus den Nähten zu platzen; eine Kooperation mit sächsischen Hochschulen ist jedoch angedacht.

eodBibliotheken und Archive mit wertvollen Altbeständen konnten beim Thema „eBooks on demand“ (eod) aufhorchen. Projektkoordinator für den sächsischen Raum ist Thorsten Ziebarth (SLUB), zugleich letzter Referent des Abends. Ziel der beteiligten Bibliotheken ist es, systematisch auf Anforderung einzelner Kunden („on demand“) gemeinfreie Altbestände aus dem Zeitraum 1500 bis 1900 zu digitalisieren und für den weiteren Gebrauch via eod Open Access verfügbar zu machen. Das Projekt ist EU-finanziert, Kosten kommen aber auch für den Kunden auf, der das Digitalisat beantragt (30 Cent pro Seite + 5 EUR Bearbeitungspauschale). Die eod-Projektkoordinatoren vermitteln hierbei auch „Digitalisierungs-Know-How“: eine interessante Perspektive auch für Stadt- und Regionalbibliotheken mit einzigartigen Altbeständen. Bisher sind jedoch hauptsächlich größere Wissenschaftliche Bibliotheken als Partner beteiligt. Laut Ziebarth sollen künftig die Partnerbibliotheken auch mithilfe von Web2.0-Instrumenten vernetzt werden…

Katrin Kropf

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